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Andrea Johanides (WWF) und Rémi Vrignaud (Allianz) im Gespräch

Weltklimakonferenz, wirksamer Klimaschutz und die Rolle der Versicherer 

Weltklimakonferenz
Aktuell treffen sich Staats- und Regierungschefs mit ihren Unterhändlern in Glasgow bei der COP 26. Sie ist weltweit das größte und einflussreichste Zusammentreffen, um der Klimakrise über alle nationalen Grenzen hinweg den Kampf anzusagen. 1992 wurde die Grundlage dafür ins Leben gerufen. 2015 wurde dann damals Undenkbares geschafft: 197 Länder haben sich auf die Eindämmung der Erderwärmung auf maximal 1,5°C im Vergleich zu vorindustriellen Werten geeinigt. Damit wurde zum ersten Mal eine reale Möglichkeit geschaffen, die Klimakatastrophe mit ihren fatalen Folgen für Mensch und Natur zu verhindern. Was muss 2021 passieren? Wie begegnen Unternehmen der Klimakrise? Welche Rolle spielt im Speziellen die Finanzbranche für eine lebenswerte Zukunft? Andrea Johanides, Geschäftsführerin des WWF Österreich, und Rémi Vrignaud, CEO der Allianz Österreich, haben Antworten.

Andrea Johanides: Die Staats- und Regierungschefs müssen den Ernst der Lage begreifen und die Klimakrise als das behandeln, was sie ist: ein globaler Notfall. Mit den bisher vorliegenden Plänen sind wir davon meilenweit entfernt. Symbolische Bekenntnisse dominieren, längst bekannte Maßnahmen werden immer wieder aufgeschoben, die wichtige Rolle des Naturschutzes ist unterbelichtet. Das muss sich dringend ändern – und zwar nicht nur in Worten, sondern vor allem auch in den Taten. Wir haben leider schon viel zu oft erlebt, dass sich die Politik nach der Heimreise von Klimakonferenzen nicht mehr an ihre eigenen Zusagen erinnern kann.

Die Schockwellen der Covid 19 Pandemie haben die Welt in einen Krisenmodus versetzt. Dadurch stellten sich automatisch auch die Fragen, wie wir „richtig“ aus der Krise kommen. Ein Zurück zum Zustand vor Corona ist für uns und viele undenkbar. Wir sehen stattdessen ein großes Potential für einen Neustart – für eine andere, bessere Welt mit einer klimafitten, naturverträglichen und damit krisensicheren Wirtschaft. Unter diesen neuen Vorzeichen ist die COP26 unsere Chance für richtungweisende Veränderungen im Klimaschutz. 

Andrea Johanides
Rémi Vrignaud: Wir erwarten uns, dass die Regierungen weltweit ihre nationalen Pläne zur Erreichung der Klimaziele deutlich schärfen. Denn was aktuell auf dem Tisch liegt reicht nicht aus, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken. Als Allianz haben wir die Notwendigkeit für einen nachhaltigen Wandel schon früh erkannt. Wir warten nicht auf politische Ergebnisse und schaffen bereits seit vielen Jahren Fakten. Als Gründungsmitglied der Net Zero Asset Owner Alliance werden wir auch vor Ort in Glasgow dafür eintreten, die Transformation auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft deutlich zu beschleunigen. Wir brauchen jetzt nicht nur ambitionierte Ziele, es ist schnelles Handeln gefragt. Ein Ende der Subventionen für fossile Energieträger ist zum Beispiel überfällig und auch eine realistische CO2-Bepreisung muss weltweit umgesetzt werden. Wenn es von der Politik klare Rahmenbedingungen gibt, können immer mehr dringend benötigte Finanzströme im großen Stil in eine nachhaltige Zukunft fließen.
Remi Vrignaud
Rémi Vrignaud: Die Klimakrise bringt enorme Risiken für uns alle mit sich. Das haben wir bei diesen gravierenden Unwetterkatastrophen heuer sehr gut gesehen. Aber nicht nur das. Die Folgen reichen von der Zunahme an Wetterextremen über den Anstieg der Meeresspiegel bis hin zum Verlust der Artenvielfalt. Als Versicherer tragen wir Verantwortung für Generationen und möchten auch unserer Jugend noch eine lebenswerte Zukunft bieten können. Unser größter Hebel ist dabei unser Kapital. Deshalb haben wir bereits 2014 hinterfragt, worin wir das uns anvertraute Geld investieren und begonnen, unsere Investmentstrategie neu auszurichten. In einer Vereinbarung mit dem WWF haben wir uns dann zu konkreten, messbaren Nachhaltigkeitszielen für unser Portfolio verpflichtet, die wir seither konsequent verfolgen. Und wir fordern unsere Branchenkolleg:innen auf, es uns gleich zu tun. Gemeinsam können wir viel erreichen!
Andrea Johanides: Im Kampf gegen die Klimakrise und das Artensterben spielt der Finanzmarkt eine zentrale Rolle. Denn hier entscheidet sich, ob finanzielle Mittel in Unternehmen, Projekte und Technologien fließen, die unserem Planeten schaden oder ob sie einen Beitrag dafür leisten, dass unsere Erde auch für zukünftige Generationen ein lebenswerter Ort bleibt. Einerseits braucht es daher politische Reformen, andererseits müssen alle Finanzinstitute den Klima- und Naturschutz in ihrem Kerngeschäft verankern. Mitentscheidend dafür ist eine generationsübergreifende Unternehmensplanung. Aktuell fehlen aber in vielen Bereichen noch klima- und naturverträgliche Gesetze sowie vergleichbare Standards. Daher mangelt es an Transparenz. Im Rahmen unserer Arbeit stellen wir immer wieder fest, dass Finanzinstitute häufig selber nicht wissen, in welche Projekte oder Länder ihr Geld tatsächlich fließt. Hinzu kommen falsche Versprechen in der Kommunikation. Das bremst wichtige Entwicklungen und führt zu Enttäuschungen – ist also das Gegenteil von nachhaltig.
Andrea Johanides: Die Beurteilung von Risiken ist die Kernkompetenz von Versicherungen und daher jetzt besonders gefragt. Klima- und Umweltaspekte mit einem generationsübergreifenden Zeithorizont zu berücksichtigen, ist mehr denn je das Gebot der Stunde. Dafür muss aber auch die Politik europaweit einen besseren Rahmen schaffen – mit wirksamen Gesetzen und Standards für den gesamten Finanzmarkt.

Rémi Vrignaud: Der Einfluss der Finanzbranche für eine nachhaltige Wirtschaft wird oftmals unterschätzt. Aber es macht einen großen Unterschied, ob Gelder etwa in klimaschädliche Aktivitäten wie den Kohleabbau oder in saubere Bereiche wie erneuerbare Energien oder den öffentlichen Verkehr fließen. Investitionen dürfen nicht nur auf ihre kurzfristige Profitabilität hin überprüft werden. Es gilt, den langfristigen Einfluss auf Mensch und Umwelt zu berücksichtigen.

Bei der Allianz haben wir uns schon 2015 entschlossen, kein Geld mehr in Kohleabbau zu stecken. Wir investieren in Bereiche, die Zukunft haben und Zukunft schaffen und konnten den Nachhaltigkeitsgrad unserer Investitionen stetig weiter erhöhen. Heute stehen wir bei 91,3 Prozent unserer Anlagen, die Nachhaltigkeitskriterien entsprechen, mehr als die Hälfte unserer Investitionen werden sogar als „sehr nachhaltig“ eingestuft. Bis 2030 möchten wir überhaupt keine nicht nachhaltigen Investitionen mehr tätigen. Die Erreichung dieser Ziele lassen wir jedes Jahr unabhängig prüfen. Solch klare Ziele und ihre transparente und glaubwürdige Verfolgung würde ich mir auch von anderen Akteur:innen der Finanzbranche wünschen. Denn es reicht nicht, einzelne Produkte mit Nachhaltigkeitsmerkmalen zu schaffen – nur die ökologische und sozial verträgliche Gestaltung unseres Kerngeschäfts bringt uns tatsächlich weiter. 

Rémi Vrignaud: Ja – und zwar positive. Der weit verbreitete Irrglaube, dass nachhaltige Investitionen weniger Rendite abwerfen, ist schlicht falsch. Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die zeigen, dass nachhaltige Fonds in Sachen Rendite zumindest gleich gut und häufig sogar besser abschneiden als herkömmliche Fonds. Das können wir mit Blick auf unsere eigenen Kapitalanlagen bestätigen. Auch unser Allianz Invest Nachhaltigkeitsfonds kann für die letzten fünf Jahre zum Beispiel eine Wertentwicklung von +86,3 Prozent vorweisen. Und nicht zuletzt beweist auch unsere Partnerschaft mit dem WWF, dass Nachhaltigkeit nicht im Widerspruch mit Rendite steht. Immer mehr Anleger fragen sich: Was passiert mit meinem Geld eigentlich? In welche Unternehmen, Branchen oder Projekte fließt es? Und wird es klimaschädlich oder -freundlich investiert? Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. 
Andrea Johanides: Es gibt noch großen Handlungsbedarf, damit der versprochene „Green Deal“ in der Praxis tatsächlich die gewünschten Effekte hat. Mit der sogenannten Taxonomie will die Europäische Union einheitliche Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Finanzsystem schaffen. Das ist grundsätzlich richtig und wichtig, darf aber keinesfalls zum „Greenwashing“ von Atomenergie oder Erdgas führen, um nur einige besonders kritische Beispiele zu nennen. Daher fordern wir möglichst umfassende, wissenschaftsbasierte Regeln. Ansonsten wird die Taxonomie nicht nur ihre Ziele verfehlen, sondern könnte sogar für kontraproduktive Investitionen missbraucht werden.

Rémi Vrignaud: Das ist ohne Frage ein ambitioniertes Ziel und mit jedem Jahr, in dem wir dringend notwendige Transformationen hintanstellen, wird es ambitionierter. Ich denke aber auch, wenn wir jetzt mutige, große Schritte setzen und unsere Wirtschaft neu ordnen, dann können wir es schaffen.

Andrea Johanides: 1,5 Grad sind unser Schlüssel für eine lebenswerte Zukunft. Treffen wir jetzt die richtigen Entscheidungen, haben wir eine reale Chance. Doch dafür bleibt nicht mehr viel Zeit. Alle Beteiligten müssen daher rasch vom Reden ins Handeln kommen – das gilt auch für Österreich. Wir sehen uns gerne als Vorreiter, stoßen aber immer noch annähernd gleich viele Emissionen aus wie 1990. Beim Energiesparen gibt es kaum Fortschritte, die Bodenversiegelung geht massiv weiter, jedes Jahr fließen immer noch bis zu 4,7 Milliarden Euro in umweltschädliche Subventionen. So gesehen, wäre schon sehr viel gewonnen, wenn die Politik endlich damit aufhören würde, das Falsche zu tun.

Die Herausforderungen, die vor uns liegen, sind groß. Gemeinsam können wir diese schaffen.